Inge Laidig berichtet aus früheren Zeiten

Zur letzten Sendung befragten wir Inge Laidig – die Mutter unseres Bandleaders und Klimperators Martin – zu ihrer Schulzeit mit dem Ziel, das damalige Curriculum mit dem heutigen und möglichen zukünftigen zu vergleichen. Was war Bildung in der Mitte des letzten Jahrhunderts? Und was ist Bildung im 21. Jahrhundert?

Wir fragten Inge Laidig: Wie sah es denn damals in Ihrer Schulzeit aus? Was lernte man in Deutsch, Mathematik, Geschichte, Sport, …?

Sie werden es kaum glauben: wir kannten diese Wörter damals gar nicht. In der Volksschule solche Worte zu benutzen wäre in jener Zeit als Hochmut bezeichnet worden.
Unsere Fächer waren: Lesen, Schreiben, Rechnen, Religion, Naturkunde, Heimatkunde, Malen, Singen.

Lesen lernten wir an der Tafel, die unser Lehrer Bender am frühen Morgen vor dem Unterricht vollgeschrieben hatte. Schreiben wurde auf den eigenen Schiefertafeln geübt. Da man diese Texte nicht speichern konnte und sie täglich gelöscht wurden – mußten wir eben sehr viel im Gedächtnis speichern. Das konnten leider nicht alle Kinder gleich gut.

Rechnen lernten wir ebenfalls ebenfalls an der Tafel – es gab damals keine Schulbücher. Großer Wert wurde auf Kopfrechnen gelegt. Täglich wurde geübt und jeder kam mehrmals dran. Bis zum ‘Zwölferle’ mußten wir alle das ‘malnehmen’ und das ‘teilen’ fließend beherrschen – beim großen Einmaleins wurde etwas großzügiger verfahren. ‘Multiplizieren und dividieren’ gehörten zu den oben genannten in der Volksschule nicht gebräuchlichen Wörtern.

Religionsunterricht, in meinem Fall evangelisch, war folgender: Kinderbibeln gab es nicht und die Originaltexte waren für Kinder zu schwierig, daher erzählte der Lehrer oder der Pfarrer diese Geschichten kindgerecht und die Kinder hörten (ruhig) zu. Unterbrochen wurde nicht. Nachdem die Geschichte erzählt war durften wir Fragen stellen die dann entsprechend beantwortet wurden. In der nächsten Stunde mußte man diese Geschichte nacherzählen.
Dann lernten wir ganze Psalmen auswendig, ferner Sprüche d.h. fettgedruckte Verse aus dem Alten und aus dem Neuen Testament und ganze Kirchenlieder. Gesungen wurden diese natürlich ebenfalls. Dieser ganze Stoff wurde analog zum natürlichen Jahresablauf in der Natur und analog zum Kirchenjahr mit seinen Festen gelernt. Jeder Unterrichtstag fing mit einem Gebet an und endete ebenfalls mit einem Gebet das von den Kindern gemeinsam gesprochen wurde.

In Naturkunde gingen wir eben in die Natur, so wie es das Wort sagt, und haben dort vor Ort erkundet was es so alles in der Natur gibt. Die Theorie dazu wurde später im Klassenzimmer erarbeitet. In Heimatkunde lernte man etwas über seine nähere Umgebung. Wer aus einem anderen Ort kam durfte erzählen wie es dort war. Dann erkundete man zu Fuß die Gegend, sammelte Steine, machte Beobachtungen und besprach später im Klassenzimmer alles. Naturkunde und Heimatkunde konnte man nicht trennen, beide Fächer gingen ineinander über. Ferner wurden bei auftauchenden Plagen Kartoffelkäfer und Maikäfer gesammelt. Maikäfer am Waldesrand und Kartoffelkäfer auf den Äckern, wobei die Bauern manchmal schon berechtigte Ängste bekamen, als sie uns klassenweise über ihre Felder ziehen sahen. Dies wurde von der Militärregierung bei überhandnehmendem ‘Ungeziefer’ so verordnet und die Lehrer mußten dies mit den Schulkindern ausführen. Die gesammelten und inzwischen vergifteten Käfer wurden dann im Rathaus abgeben wo sie vernichtet wurden. Wie entzieht sich meiner Kenntnis. Diese Tätigkeit ist inzwischen bestimmt überholt und braucht auch nicht mehr gelehrt und gelernt zu werden! Für uns Kinder was das ein Spaß, für die Lehrer eher das Gegenteil.

Malen war Pflicht, erst auf der Schiefertafel dann auf einem Zeichenblock. Ein Block, 10 Din A 4 Blätter, mußte für ein ganzes Schuljahr reichen. Singen fand samstags statt. Der Lehrer spielte Geige und die Kinder sangen zweistimmig, möglichst bei geöffneten Fenstern so daß alle Nachbarn ‘ihre Freude’ daran haben konnten. Ob sie das wollten oder nicht.

Ebenfalls samstags wurden wir alle gewogen und gemessen. Die beiden Lehrer schleiften eine Dezimalwaage an zum wiegen und maßen unsere Größe an einer großen Meßlatte. War Größe und Gewicht im entsprechenden Verhältnis durfte man sich setzen, hatte man Untergewicht bekam man für eine Woche Schülerspeisung. Diese wurde von amerikanischen Quäkern gestiftet und wurde in den großen Pausen ausgeteilt. Ein entsprechendes Gefäß mußte man mitbringen. Ich spüre heute noch den Geschmack von dem wunderbaren Kakao im Mund den es jeden Samstag gab. Auf diese ‘Fächer’ kann man heute ebenfalls verzichten, für uns waren sie lebensnotwendig.

Geschichte und Sport durften in den Jahren nach dem Krieg nicht gelehrt bzw. ausgeübt werden. Die amerikanische Militärregierung hatte dies so angeordnet – denn Deutschland hatte ja den Krieg verloren. Die junge Generation sollte nicht wieder sportlich, sprich zu Soldaten, werden und die jüngste Vergangenheit sollte nicht weitervermittelt werden. Also blieben wir in punkto jüngste Geschichte über die ganze Schulzeit weg ziemlich unbedarft. Leider, aber das haben wir erst sehr viel später gemerkt und manche Klassenkameraden nie. Das war natürlich falsch, aber nicht anders zu bewerkstelligen da man sich nicht gegen die ‘Obrigkeit’ zur Wehr setzen konnte. Ich selbst habe das gründlich, auf meine eigene Art, später nachgeholt und bin immer noch dabei dies zu tun. Also lernten wir eben etwas über die Steinzeit etc. Als dann Geschichte wieder erlaubt war bestand der Geschichtsunterricht im Auswendiglernen von Jahreszahlen bis zum Mittelalter – für mich ein Horror. Die Auswirkung bei mir war, daß ich viele Jahre absolut nichts von Geschichte wissen wollte und eine richtige Abneigung dagegen hatte, bis ich dann sehr spät entdeckt hatte wie interessant und wichtig Geschichte ist. ‘Man lernt aus der Vergangenheit, sodaß man die Gegenwart versteht und für die Zukunft lernt.’ Dieser Spruch brachte mich zum Umdenken.

Inge Laidig freut sich bestimmt über eure Gedanken zum Text. Also, es gilt wie immer: Es darf kommentiert werden!